Mit Muskelkraft von der Haustür bis ans Ende der Welt: Etwa so sah das Konzept für die «Expedition Antarctica» von Evelyne Binsack aus. Mit dem Fahrrad pedalte die gebürtige Nidwaldnerin nach vier Jahren Vorbereitungszeit am 1. September 2006 los, vom Berner Oberland bis nach Portugal. Dann flog die diplomierte Bergführerin und Heli-Pilotin, die 2001 als erste Schweizerin den höchsten Gipfel der Welt, den Mount Everest, erreichte, nach Salt Lake City, von wo sie bis zum südlichsten Punkt Argentiniens radelte, nach Punta Arenas. «Die unberührte Natur und die Freiheit, unterwegs zu sein, genoss ich sehr», sagte die 42-jährige Binsack vor 150 Zuhörern in der Dammbühlhalle; als Veranstalter fungierte die Vereinigung Wängi und Kultur. 

 

Nebst den schönsten Eindrücken erlebte sie aber auch starke Gegensätze, Armut und Verzicht. Zudem habe sie die sexuellen Belästigungen seit Mexiko nicht mehr gezählt, sagt sie heute gelassen. «Zur Abschreckung habe ich mir zwei Dolche an den Gürtel gehängt.» Am Ziel ihres Traums In Argentinien bereitete sich die erfahrene Bergsteigerin auf die letzte und strengste Etappe ihrer Expedition vor: den rund 1180 Kilometer langen Marsch zum Südpol. Das Material schleppte sie in einem Schlitten, der bis zu 115 Kilogramm wog. Mit einem Team, das in Punta Arenas zufällig entstand, zog sie schliesslich ins Nichts los. Rund 50 Tage zog sie ihren Schlitten durch das ewige Eis, täglich zehn bis zwölf Stunden lang, litt unter dem ständigen Gegenwind und der bissigen Kälte bis minus 40 Grad. Binsack litt an Ohnmachtsanfällen und Schwindel. «In solchen Situationen wächst man über sich hinaus», berichtete sie. Als die Abenteurerin die Forschungsstation auf dem 90. Breitengrad erreichte, sei die Freude riesengross gewesen, «ein lange gehegter Traum ging in Erfüllung». Der geografische Südpol liegt am südlichen Ende der Erdachse. «So konnte ich in zwei Sekunden alle Breitengrade umrunden», so Binsack. 

 

28 000 Kilometer, 16 Länder, 484 Tage: Die Expedition, die unter anderem zum Ziel hatte, auf globale Probleme wie Armut, Umweltzerstörung und Klimaveränderung aufmerksam zu machen, brachte ihr die Erkenntnis, dass «es keine Abkürzungen zu einem grossen Ziel gibt und der Wille und der Glaube an sich selbst zu aussergewöhnlichen Leistungen befähigen». 

 

www.binsack.ch 

 

Lukas Lampart 

 

    Evelyne Binsack – in 2 Sekunden um die Welt – 21. November 2009