Maria Becker liest aus ihren Memorien im MZR Dammbühl 

 

Das von einer Tischlampe erleuchtete Podest gleicht vor den schweren, schwarzen Vorhängen einer kleinen Bühne. Im spärlich erleuchteten Mehrzweckraum der Dammbühlhalle nehmen rund 50 Personen im Halbkreis um die Bühne Platz. Maria Becker sitzt auf einem Polstersessel, etwas zusammengesunken, und liest in ihrem Buch. Die Schauspielerin, die vor einem Jahr ihren 90. Geburtstag feiern konnte, sieht so aus, wie man sie seit Jahrzehnten kennt. Ein paar graue Strähnen umrahmen ihr dezent geschminktes Gesicht. Das Publikum wartet muckmäuschenstill, bis sie aufblickt und einen Hauch von einem Lächeln zeigt. Maria Becker ist auf Einladung der Vereinigung «Wängi und Kultur» und der Bibliothek Wängi gekommen, um aus ihren Memoiren zu lesen. 

 

Den Klassikern verpflichtet 

Maria Becker wurde 1920 in Berlin geboren. Nach der Scheidung ihrer Eltern wuchs sie bei ihrer Mutter auf, wurde mehrheitlich von ihrer Grossmutter betreut und lebte zwischen ihrem zehnten und dreizehnten Lebensjahr auf der Nordseeinsel Juist, wo sie das erste Mal Theater spielen durfte. Mehrmals äusserte sie sich in Wängi über diese glücklichen Jahre. Zurück in Berlin musste sie diese Stadt, die im Banne Hitlers stand, via Prag verlassen. Als Jüdin durfte ihre Mutter nicht mehr arbeiten und emigrierte nach Wien, liess später Tochter Maria und Grossmutter nachkommen. 1938 wanderte Maria Becker nach Zürich aus. Die nächsten sechs Jahrzehnte waren erfüllt von einer grossen Karriere als Schauspielerin. 

 

Sich selbst geblieben 

Fast zwei Stunden liest die 91-Jährige aus ihrem Buch, zeigt keine Ermüdungserscheinungen. Plötzlich klappt sie das Buch zu und spricht direkt ins Publikum: «Mein Buch trägt zwar den Titel . Ich muss Ihnen aber sagen, ich bin immer mich selbst geblieben. Ich habe gelernt, dass man mit Theater nicht die Welt verändert, höchstens sich selbst.» Den langen, warmen Applaus nimmt die grosse Dame lächelnd entgegen. 

 

Ruth Bossert  

Erschienen in der Thurgauer Zeitung vom 22. März 2011 

    Maria Becker – 19. März 2011