Lara Stoll – Ehrlich aber voller Wahnsinn 

 

Letzten Freitagabend war die Slam Poetin Lara Stoll mit ihrem Programm „Krisengebiet 2 – Electric Boogaloo“ zu Gast im Neuhaussaal in Wängi. Auf die Bühne tritt eine zierliche junge Frau, die jedoch eine gewaltige Präsenz und Stimmkraft zeigt und das Publikum sofort in Bann zieht. Sie erklärt die Bedeutung von Slam Poetry: es dürfen nur Texte vorgelesen und keinesfalls zusätzlich Menschen, Tiere oder Instrumente auf die Bühne geholt werden. Sie wird sich aber nicht an jedes Gebot halten. Lara Stoll liest mit ernster Miene ihre, wie sie jeweils sagt, besten je geschriebenen Texte vor, immer sehr schnell, teils längere Geschichten oder kurze, prägnante Wortreihen. Lara Stoll ist komisch, frech und mutig, lässt nichts aus, spricht über Gott und die Welt und bringt das Publikum mit ihren pointierten Aussagen zum Lachen. Sie spielt mit selbst erfundenen Wortkreationen wie der Name eines Produktes für einfach alles: gegen jede Krankheit, für die Beziehungspflege etc., kurzum dem Publikum hätte sie das Fantasieprodukt auf jeden Fall verkauft. Lara Stoll sagt, um die von WuK gewünschte Pause einzuhalten, muss sie sich sehr konzentrieren. Das schafft sie aber bestens, indem sie vor der Pause immer wieder mit kleinen Seitenhieben auf die für sie ungewohnte Programmunterbrechung hinweist. Lara Stoll beweist damit, dass sie nicht nur eine wortgewaltige Slam-Poetin und Lyrikerin sondern auch eine gewitzte Komödiantin ist. Wie vorhergesagt, spielt sie auf der Bühne auch mit einem Instrument, ihrer Gitarre, und singt als erstes ein nettes, aber nicht schönes Lied. Das Lied tönt mutig schrecklich, aber da sie den Namen einer Zuschauerin einbaut, wird es gnädig als nett beklatscht. Das nächste Lied wird schön aber nicht nett sein, verspricht sie und die Erwartungen sind natürlich entsprechend hoch. Sehr spannend ist die Fortsetzung ihres Textes «Mutter». Sie erzählt, dass ihre Mutter anfänglich mit Computer nicht viel anzufangen wusste, heute jedoch jedes Gerät bedienen kann, alle Betriebssysteme und jede Software kennt und sich so stark damit beschäftigt, dass sie den von Lara gewohnten Mutterpflichten nicht mehr nachkommt. Tochter Lara kommt zu Besuch und freut sich auf den gut gefüllten Kühlschrank – aber der ist leer, weil Mutter nicht mehr in dieser Welt ist, sie hat sich in die Cloud hochgeladen. Lara stellt sich nun vor, dass die Mutter aus der Cloud heraus den Kühlschrank sich selbst ausfüllen lässt. Gegen Lesungsschluss betont Lara Stoll, dass sie gegen schönen Applaus noch Zugaben gibt. Das kräftige Klatschen belohnt sie mit zwei, drei sehr guten Texten, u.a. ihr Klagelied auf Helene Fischers Berühmtheit und dann vor allem zum Schluss das Schnarchkonzert. Lara liebt den Mann, der gewaltige Nachtmusik macht, der im Schlaf tonnenweise Bäume zersägt, der crescendo schnarcht und sie führt das so echt, wort- und stimmgewaltig vor, dass das Publikum nur noch staunen, lachen und applaudieren kann. Lara Stoll ist eine Thurgauer Künstlerin, auf die wir zu Recht stolz sein dürfen. Sie hat das Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste gemacht, ist seit über 11 Jahren als Slam-Poetin unterwegs und hat schon viele Auszeichnungen erhalten u.a. den  Thurgauer Kulturpreis und dieses Jahr den Deutschen Kleinkunstpreis, Förderpreis der Stadt Mainz, den sie im im März  entgegennehmen konnte. 

Lara Stoll bietet ein sehenswertes Programm voller Energie und Witz, mit messerscharfen ausgeklügelten Texten, die wie sie sagt meist autobiographisch sind und sie begeistert das Publikum von Programmanfang bis Zugabenschluss. 

 

WuK – Wängi und Kultur 

Kathrin Schoch 

Lara Stoll «Krisengebiet 2 – Electric Boogaloo» – 24. Mai 2019